Potsdam-Club e.V.
in der Bundesstadt Bonn

Vereinigung zur Förderung der Städtepartnerschaft Bonn - Potsdam

Predigt Kreuzkirche Bonn, 30. Juni 2019

 

Superintendentin Angelika Zädow

 

Es gilt das gesprochene Wort

 

 

Gnade sei mit euch und allen Menschen. Von Gott in Christus. Lebendig in Geschichte Gegenwart und Zukunft. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

in „potsdamlife“ Nr. 55 aus dem Frühjahr dieses Jahres wurde vom Potsdam-Club in Bonn bereits das Thema für diese Predigt benannt. Es orientiert sich an drei Begriffspaaren:

 

Geschichte erinnern

Verantwortung lernen

Versöhnung leben.

 

Nicht nur der Ort der ehemaligen Garnisonkirche, der sich mit diesen drei Aufgaben in Potsdam verbindet, hat es in sich, sondern auch der ambitionierte Anspruch der Begriffe.

 

In meiner Predigt ordne ich jedem Begriffspaar eine biblische Sicht zu.

 

a) Geschichte erinnern

 

In religiösem Kontext ist der Begriff der Erinnerung mit Erzählungen von Menschen über ihren Glauben verbunden. In ihnen spiegeln sich die Erfahrungen wider, die aus der Beziehung mit dem dreieinigen Gott entstanden. In der Auseinandersetzung mit diesem Erfahrungsspiegel in den ganz individuellen Lebenssituationen sollen Orientierung und Ermutigung für den eigenen Weg erwachsen.

 

Theologie versucht, den historischen Kontext weitestmöglich zu erfassen. Dabei geht es aber weniger um die Historizität an sich, sondern darum, die Texte bestmöglich im Licht der vergangenen Ereignisse, Lebensumstände und Glaubenshorizonte zu verstehen und in ihrer Tiefe zu erfassen.

 

In diesem Sinn habe ich dem Begriff „Geschichte erinnern“ ein Wort aus dem 5. Mosebuch zugeordnet: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“

 

Diese Worte stehen im Alten Testament unmittelbar nach der Erzählung, in der Mose auf dem Berg Sinai die Gebote Gottes hört und auf zwei Steintafeln festhält. Sie sind so etwas wie die Zusammenfassung der 10 Gebote. „Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Du sollst deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“

 

Wenn wir diese Sätze hören, finde ich es wichtig, zweierlei zu wissen:
1) unter Herz und Seele versteht die Bibel mehr als das Gefühl. Herz und Seele: umfassen den Verstand, das Denken, die Vernunft ebenso wie alles Planen und Bauen und Sich-Vornehmen.

„Sie sind ein Herz und eine Seele“, sagen wir von Menschen, die in einer Art Gleichklang leben, die ähnliche Vorstellungen und Vorlieben haben, die gleiche Prioritäten setzen, Hobbys miteinander teilen und sich auf eine innige Art in der ganzen Tiefe des Denkens und Handelns verstehen.

2) Kraft. Das hebräische Wort ist am besten enthalten in dem englischen „power“. Es meint die körperliche Kraft ebenso wie die Energie, mit der wir Dinge vorantreiben - auch mit Worten und im Tun. Es meint alle uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten: materielle, geistige, emotionale und körperliche.

 

Und nun: sollen wir Gott lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele und mit all unsrer Kraft. Unser Leben soll sich abspielen im Gleichklang mit Gott und seinem Willen. Im Gleichklang mit dem, der Frieden will für seine ganze Schöpfung, für Natur und die Menschen.

Und das im wahrsten Sinne des Wortes „global“, also für den ganzen Globus, alle Menschen dieser Erde.

 

Das heißt auch: Gott traut uns zu, in besonderer Weise global zu denken, zu handeln und: zu lieben.

 

Es bedeutet, den Blick zu weiten über die eigene Lebenswelt hinaus. Bedeutet: in der Gegenwart Augen und Ohren zu haben für die Menschen um uns herum und für die in anderen Ländern. Bedeutet Ohren zu haben für das, was in der Welt geschieht, und bedeutet, konkrete Schritte zu tun.

Weil Gott den Frieden will nicht nur für Deutschland, für Europa, sondern eben für die ganze Welt.

 

Im Alten Testament verdichtet sich der Glaube an den schalom, den Frieden Gottes in besonderer Weise zu einem Anspruch an das eigene Handeln.

 

Erinnernde Geschichte ruft dazu auf, dem Ruf Gottes zu folgen. Den Frieden zu suchen und ihn auszubreiten. Und ja, das ist ein hoher Anspruch. Denn zuallererst heißt das, in Frieden zu sein mit den ganz anderen. Mit denen, die uns Mühe machen. Mit denen, die ganz anders sind als wir.

 

Heute wissen wir, dass Lebenswunden weitergegeben und unbewusst Kinder und sogar Enkelgenerationen prägen. Das erfordert von jedem einzelnen ein hohes Maß an Eigenreflexion. Um sich selbst zu verstehen, um die Wirkung eigenen Handelns und Redens auf andere einschätzen zu können. Um zu versuchen, sich selbst in den Horizont anderer Sichtweisen einzuordnen. Und daraus folgernd, Änderungen in der eigenen Herangehensweise, Ausdrucksweise und Blickwinkel zu wagen.

 

b) Die arme Witwe oder Verantwortung lernen

 

Die Geschichte von der armen Witwe erzählt davon, wie Jesus mit seinen Jüngern Menschen sah, die eine Spende in den Opferstock des Tempels legten. Damals war solches Beobachten üblich, denn wenn jemand viel hineingab, dann wurde zum Zeichen einer besonders großen Summe die Posaune geblasen. Unter den vielen Menschen – eine Witwe. Das allein war schon erstaunlich. Denn die Witwen waren sehr arm - man kannte keine Altersversorgung – und deshalb auf die tägliche Unterstützung angewiesen. Am Morgen eines jeden Tages bekamen sie beim Tempel Geld, um sich zwei kleine Mahlzeiten zu kaufen. Diese Frau hatte sich für diesen Tag schon ihre Unterstützung abgeholt – und nun steht sie in der Schlange, um genau dieses Geld wieder abzugeben: 2 Scherflein, das macht umgerechnet einen halben Cent.

 

Mit dem, was diese Frau materiell gibt, legt sie etwas hinein, zu dem jede Menge Mut gehört, finde ich.

 

Die Frau wusste genau, was geschieht, wenn sie sich in die lange Schlange der wohl situierten Spender stellt. Der ein oder andere würde günstigstenfalls milde lächeln, andere hinter vorgehaltener Hand über sie tuscheln.

Beim Opferstock würde ihr ganz sicher niemand danken. Im Gegenteil, vielleicht wurde sie mit Herablassung oder hämischen Bemerkungen bedacht.

Und weil keine Posaune erschallt, werden alle mitbekommen, dass sie nur sehr wenig gibt. Ihre ganze Armut wird öffentlich. Dennoch! Sie tut es.

 

Wie viel Scham und wie viel Mut. Wie viel Verzagtheit und wie viel Entschlossenheit liegen in ihrem Handeln!

 

Sie hätte dem leicht entgehen können. Aber sie erkannte für sich eine Verantwortung, die sie den schwierigen Weg gehen ließ.

 

Dann ist da dieser eine. Der ruft seine Freunde zu sich und sagt: „Seht, sie hat alles hinein gelegt, was sie hatte. Damit hat sie mehr als alle anderen gegeben.“

 

Dieser eine erkennt die Größe ihres Handelns, sieht mehr als das Äußere.

 

Die Erzählung berichtet vom Überwinden der Scham durch das Erkennen von Verantwortung.

 

Und wir müssten uns als Nachfolger Jesu darum kümmern, was das denn konkret für uns bedeutet.

 

In Potsdam mit seinen verschiedenen Ansichten zum Aufbau der ehemaligen Garnisonkirche haben wir es verhältnismäßig gut. Wir dürfen im Turm Vergangenheit und den Willen zur Zukunft neu abbilden.

Aber wir merken, wie viel leichter es ist, eine Kirche, ein Gebäude, einen Ort mit seiner Historizität zu beschweren.

Und wie viel komplizierter es ist, der Scham des Gewesenen zu begegnen und an gleicher Stelle eine neue Bedeutung zu beheimaten.

 

Ungleich schwieriger ist es, Verantwortung im täglichen Wirken eines Unternehmens, einer Bank und der Politik zu übernehmen.

 

Dennoch ist nicht mehr und nicht weniger immer wieder gefragt als diese christliche Grundhaltung: voll schamvoller Verzagtheit mit entschlossenem Mut Verantwortung übernehmen.

 

 

c) Versöhnung leben

 

Die Bibel ist voll von Erzählungen, in denen Versöhnung zwischen Menschen gelingt. Sie erzählt aber auch immer wieder vom Scheitern und den Schwierigkeiten, denen Menschen beim Versuch, versöhnt zu leben, haben.

 

Denn dieser Begriff enthält so viele verschiedene Varianten. Sich mit anderen Menschen nach erlittener Verletzung versöhnen.

Sich mit anderen nach begangener Schuld versöhnen.

 

Sich mit der eigenen Lebensgeschichte versöhnen.

 

In allen Erzählungen aber -  ganz gleich ob wir im alten Testament an die Geschwistererzählung von Jakob und Esau denken, in denen der eine den anderen um sein Recht betrügt - oder im Neuen Testament an den Zöllner Zachäus, der seine Position ausnutzt, um sich mit Geld zu bereichern - immer geht es um „direkte“ Versöhnung.

 

Sich mit der Geschichte eines Ortes oder eines Landes im Nachhinein aussöhnen, bedeutet aber aus meiner Sicht in Ermangelung dieser möglichen „Direktheit“ oder „Unmittelbarkeit“ den Ort bzw. das Land mit neuer Bedeutung zu füllen - wenn man es nicht zu einem Mahnmal oder Denkmal umgestalten will.

 

Neuen Inhalt zuzuschreiben ist ungleich schwieriger als Erinnerungen wach zu halten.

Weil es aus meiner Sicht folgender Schritte bedarf:

1. Herausarbeiten der Entstehensbedingungen vergangener Schuld

2. Aufdeckung von Gefahren in der Gegenwart

3. Benennung von Schritten zur Vermeidung von Strukturen und Mechanismen, die in Schuld und Verstrickung führten

4. Benennung von Handlungsoptionen in der Zukunft

 

Ich denke ja, dass das klappen kann. Weil Gott gerade den Glaubenden zutraut, nicht den einfachsten und bequemsten Weg zu gehen.

 

An uns liegt es, ob wir es wagen.

 

Amen.

 

Der Geist Gottes bewege und begleite unsere Gedanken und unser Handeln auf dem Weg der Nachfolge Jesu. Amen.

 

 

 

Schlussbemerkung:

 

Die christlichen Werte des sich in diesem Jahr zum 30.Mal jährenden konziliaren Prozesses zum Thema „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ sowie selbstkritische Analyse der bestehenden Praxis  haben seit langem Eingang in die Formulierung von Leitbildern von Unternehmen geführt. Das ist gut.

 

Angesichts der immer deutlicher werdenden Diskrepanz zwischen via Öffentlichkeitsarbeit kommunizierten guten Vorsätzen und tatsächlichem Handeln muss gefragt werden, ob die Einhaltung der Leitlinien überhaupt gewollt und wenn ja in welchen Abständen dies von wem kontrolliert wird. Oder ob die wohl gesetzten Sätze bei Lichte betrachtet nicht mehr sind als die glänzende Verpackung leerer Hülsen. Dann aber brauchen wir sie nicht.

 

Was wir brauchen – sowohl im privaten wie im politischen Bereich – ist eine Rückkehr zum Handeln nach dem christlichen Menschenbild des Respekts voreinander, der Förderung von Gaben des einzelnen und einem ökologischen Bewusstsein für die uns anvertrauten Ressourcen dieser Erde.

 

Wo kann aus verantwortlichem Handeln heraus konkret verzichtet werden im Bereich des Einzelnen, der Wirtschaft, der Unternehmen, der Kirche?

Wie kommen wir in einer Zeit zunehmend überzogener Spreizungen zwischen Niedriglohn- und Hochlohnsektor zu einem angemessenen Unterschied in den Verdiensten, der für alle nachvollziehbar und einsichtig ist?

In welchen Bereichen sollen die Möglichkeiten des digitalen Fortschritts eingesetzt werden und wie kommen wir bei dem zu erwartenden Wegfall von Arbeits- und damit Verdienstmöglichkeiten zu einem Arbeits-Sozial-Modell, das Menschen eine auskömmliche gleich berechtigte Teilhabe an Bildung und Lebensstandard ohne herkömmliche Vollzeitarbeit ermöglicht?

Hier klicken für Impulsvortrag
von Angelika Zädow

Startseite | Aktivitäten | Informationen | Peter Joseph Lenné | Freunde & Partner | Kontakt